Mittelpunkt meiner Arbeit ist die menschliche Figur, mit der ich der Frage nach dem Körpererleben des modernen Subjektes nachgehe. Dabei verstehe ich den Körper nicht nur als biologischen Leib, sondern als ein Medium, durch das psychologische und gesellschaftliche Zustände sichtbar werden. Die Körper erscheinen nicht als fixiertes Abbild, sondern als wandelbare, von inneren und äußeren Kräften geprägte Gebilde, die eine eigene Formlogik entwickeln. Diese Körperszenen dienen als Spiegel für unterschiedliche Kräfte, die auf den Körper einwirken und seine Art zu denken, zu fühlen, zu kommunizieren, beeinflussen: Sehnsüchte, Ideologien, Normen, Systeme, Geschwindigkeiten, Verunsicherungen, Überforderungen, Krisen, Traumata, Erschöpfung, Einsamkeit, Abgestorbenheit, Empathielosigkeit, Wut, Angst oder einfach nur die Schwerkraft. Auf der Suche nach einer neuen Körperlichkeit, die diesen Einflüssen gerecht werden kann, entstehen Aquarellarbeiten, die den menschlichen Körper als Fremdkörper sowie lebendigen Empfindungsträger zeigen.

Das Medium des Aquarells begünstigt dieses taumelnde und autonome, auflösende und begrenzende Körpererleben. Im Aquarell entstehen Ränder dort, wo das Wasser zur Ruhe kommt und verdunstet. Das Pigment sammelt sich an dieser äußersten Grenze. Diese dunkleren, oft harten Ränder markieren für mich die Belastungsgrenzen des Subjekts und wirken wie „Brandungswerte“ einer inneren Erschütterung, die zeigen: Hier hat etwas aufgehört, hier hat sich etwas gestaut. Pigmente haben unterschiedliche Gewichte. Manche sinken tief in die Täler des Papiers, andere bleiben an der Oberfläche. Das Papier fungiert für mich als das „Fleisch“ oder das Gewebe, in das sich Erfahrungen „einsedimentieren“. Der Malprozess stellt für mich somit nicht die Ausübung totaler Kontrolle dar, sondern das bewusste Navigieren innerhalb der Eigenheiten des Mediums. In dieser Gestaltungsfreiheit liegt für mich die Chance, das Fragmentarische nicht als Verlust zu begreifen, sondern als einen offenen Raum, in dem sich das Subjekt – trotz aller Brüche – immer wieder neu entwerfen und behaupten kann. So scheinen auch meine Figuren sich zu wehren oder anzupassen oder spielerisch auf diese äußeren Kräfte zu reagieren oder Schutz und Halt zu suchen. Es ist die Spannung zwischen Pathos und Komik, Selbstbehauptung und Auflösung, Anpassung und Widerstand, die für mich das Prinzip dieser Figuren ausmacht.